Die sozialen Unterschiede bei den digitalen Kompetenzen von Achtkl?ssler*innen haben sich innerhalb von zehn Jahren deutlich vergr??ert. Das zeigt eine neue Analyse des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, der Goethe-Universit?t Frankfurt und der Universit?t Paderborn. Für diese Entwicklung seien vor allem das kulturelle Umfeld im Elternhaus und die Schulart ausschlaggebend, so die Forschenden.
?Der soziale Hintergrund sorgt für eine immer gr??er werdende Kluft bei den digitalen Kompetenzen von Jugendlichen“, sagt Dr. Markus L?rz vom DIPF, Erstautor der jetzt im Fachjournal ?Computers & Education“ ver?ffentlichten Studie. ?Das kulturelle Umfeld zu Hause und die Schulart haben sich dabei als die zentralen Erkl?rungsgr??en dieser digitalen Ungleichheit erwiesen“, erl?utert Dr. L?rz.
Die Studie
Für die neue Untersuchung hat das Forschungsteam, bestehend aus Dr. Markus L?rz, Prof. Dr. Birgit Becker (Goethe-Universit?t), Dr. Jan Niemann, Dr. Kerstin Drossel und Prof. Dr. Birgit Eickelmann (alle Universit?t Paderborn), Daten der Studie ?International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) in Deutschland von 2013, 2018 und 2023 ausgewertet und die Computer- und Informationskompetenzen von etwa 8500 Schüler*innen der Jahrgangsstufe 8 hinsichtlich des sozialen Hintergrunds betrachtet. Bei den Kompetenzen geht es vor allem darum, wie sinnvoll, kritisch und verantwortungsbewusst die Jugendlichen mit Technik und Informationen im digitalen Raum umgehen.
Im Rahmen dieser Sekund?ranalyse untersuchte das Team die sozial unterschiedliche Kompetenzentwicklung der Schüler*innen von 2013 bis 2023. Der soziale Hintergrund der Schüler*innen wurde über den sozio-?konomischen Status der Eltern gemessen. Zus?tzlich betrachteten die Forscher*innen 1. das digitale h?usliche Umfeld (verfügbare digitale Ger?te, Erfahrung mit Computern, Verwendung der Ger?te zum Lernen), 2. das kulturelle h?usliche Umfeld (Anzahl der Bücher im Haushalt) und 3. die Schulart (Gymnasium, Gesamtschulen und weitere Schulen) und analysierten deren Rolle als m?gliche Erkl?rung für die sozialen Unterschiede in den digitalen Kompetenzen.
Ergebnisse
Im Jahr 2013 lag der Unterschied bei den digitalen Kompetenzen zwischen Schüler*innen aus privilegierten Familien und denen aus weniger privilegierten Familien bei 43 Kompetenzpunkten. Zehn Jahre sp?ter war diese Differenz auf 66 Punkte angestiegen. Bei genauerer Betrachtung der Lernbedingungen zeigte sich, dass sich insbesondere die kulturellen Bedingungen im Elternhaus und die gew?hlten Bildungswege erheblich nach sozialer Herkunft unterschieden.
Hier stellten die Forschenden nicht nur fest, dass diese Lernbedingungen eng mit dem Erwerb digitaler Kompetenzen zusammenhingen, sondern auch, dass deren Bedeutung für den Erwerb der Kompetenzen über die Zeit zugenommen hat. Im Jahr 2013 erreichten z. B. Schüler*innen, in deren Elternhaus mehr als 200 Bücher zur Verfügung standen, 66 Kompetenzpunkte mehr als solche mit 25 und weniger Büchern. 2023 war dieser Unterschied auf 86 Punkte angewachsen. Jugendliche auf dem Gymnasium erzielten 2013 gegenüber Schüler*innen auf den weiteren Schulen ein um 65 Punkte besseres Kompetenzergebnis. 2023 lag dieser Unterschied bereits bei 85 Punkten.
Dennoch reichen nach den Erkenntnissen der Wissenschaftler*innen diese Unterschiede in den h?uslichen und schulischen Lernbedingungen nicht allein als Erkl?rung für den Anstieg der sozialen Ungleichheiten aus. Auch nach dem Herausrechnen dieser Einflussgr??en sind die sozialen Unterschiede in den digitalen Kompetenzen in den letzten Jahren gestiegen. M?glicherweise h?ngt dies mit der Coronapandemie zusammen, so eine Vermutung des Forschungsteams: Zu dieser Zeit ist der Bedarf, kompetent mit digitalen Medien umzugehen, schlagartig angestiegen und mit den ver?nderten Bedingungen sind Schüler*innen aus privilegiertem Elternhaus besser umgegangen.
Einordnungen
Im Bereich der Digitalit?t tue sich ein neues Feld sozialer Unterschiede auf, so die Forschenden. ?Da das digitale Kompetenzniveau der Schüler*innen in Deutschland im betrachteten Zeitraum aber insgesamt gesunken ist, h?ngt die zunehmende Ungleichheit weniger damit zusammen, dass sich bestimmte Gruppen stark verbessert haben. Vielmehr haben manche Gruppen besonders nachgelassen“, konkretisiert Dr. L?rz. Hinsichtlich der festgestellten Einflüsse des kulturellen h?uslichen Umfelds und der Schulart empfiehlt der Bildungsforscher: ?Es w?re ratsam, der sozial ungleichen Verteilung der Schüler*innen auf die Schularten st?rker entgegenzuwirken. Auch sind insbesondere die Schulen gefordert, die kulturell ungünstigen h?uslichen Lernbedingungen von Kindern aus Familien mit niedrigem sozio-?konomischen Status auszugleichen.“
Zugleich verweisen die Wissenschaftler*innen auf einige Einschr?nkungen der Aussagekraft der vorgestellten Analyse. So seien beispielsweise die Ans?tze, das kulturelle h?usliche Lernumfeld anhand der Anzahl der Bücher und die schulische Lernumgebung nur über die Schulart zu untersuchen, relativ undifferenziert. Zudem werden die rasanten Ver?nderungen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) mit den Daten noch nicht vollumf?nglich abgedeckt. Für belastbarere Aussagen sei weitere Forschung n?tig, so die Autor*innen.
Die Analyse kann im Detail in einem frei verfügbaren Fachbeitrag nachgelesen werden: